13.12.06
Zum Tode von Prof. Dr. Peter C. Dienel
Am 13. Dezember 2006 starb in Berlin Professor Dr. Peter Dienel im Alter von 83 Jahren überraschend an einem Schlaganfall. Noch vor zwei Wochen hat er für das nexus Institut in Berlin Planungszellen zur Zukunft Europas eröffnet. Seit einem Jahr war Dienel als Senior Consultant dem nexus Institut verbunden. Wir trauern um einen immer engagierten und anregenden Kollegen, Vater und väterlichen Freund.
Dienel ist international bekannt geworden durch die von ihm entwickelten und in unterschiedlichsten Kontexten erfolgreich eingesetzten Bürgerbeteiligungsverfahren Planungszelle und Bürgergutachten. Für seine Verdienste um die demokratische Erneuerung erhielt er im Februar 2003 das Bundesverdienstkreuz erster Klasse. Seine Emeritierung an der Universität im Jahr 1991hat nie zur Kenntnis genommen, sondern war weiterhin unermüdlich aktiv bei der Suche nach immer neuen Einsatzmöglichkeiten und -orten für Planungszellen und Bürgergutachten.
Peter Dienel stammt aus einer Berliner Pastoren-, Musiker- und Ärztefamilie. Er ist promovierter Theologe und hat bis zu seinem 43. Lebensjahr in kirchlichen Diensten gearbeitet, zuerst als Bundesstudentenpastor der evangelisch-freikirchlichen Gemeinden noch zuständig für beide deutsche Staaten, ab 1961 dann als Studienleiter der evangelischen Akademie Loccum. Aus dieser Zeit rührt seine missionarische Begabung und Orientierung, die er seit den 1970er Jahren ganz in den Dienst der Demokratisierung der Gesellschaft stellte. Er glaubte an den guten Gott und dessen Ebenbild: die Menschen. Einige Jahre im Planungsstab der nordrhein-westfälischen Staatskanzlei unter Ministerpräsident Heinz Kühn (1968-69) waren für den damals noch planungseuphorischen Peter Dienel ein "Damaskus-Erlebnis", das ihn von der Notwendigkeit neuer demokratischer Strukturen überzeugte.
Robert Jungk bezeichnete die von Dienel konzipierten Planungszellen als eine ähnlich zentrale "soziale Erfindung" wie die Wahlkabine. Der Begriff verweist auf die Entstehungszeit des Verfahrens in den frühen 1970er Jahren, der Hochkonjunktur der Planung in allen gesellschaftlichen Bereichen. Heute würde das Verfahren vielleicht einen anderen Namen erhalten. In den frühen 1980er Jahren wurde es durch den Begriff des Bürgergutachtens ergänzt.
Bei der Konfiguration des Verfahrens kamen dem charismatischen Überzeugungstäter der empirische Realismus der Sozialforschung und jahrzehntelange Erfahrung in der gemeindlichen Gruppenarbeit zu Hilfe. Das von ihm entwickelte Verfahren ist im Detail genial und sauber gearbeitet und funktioniert auch bei schlechten Moderatoren, massiv vorgetragenen Lobbyinteressen und ängstlich bis ablehnenden Bürokratien. Dafür sorgen:
- die Zufallsauswahl der beteiligten Bürger, die den Ausgewählten die Möglichkeit gibt, stellvertretend für alle zu sprechen,
- die Aufwertung der "Bürgergutachter" durch Freistellung und Erstattung des Verdienstausfalls.
- die radikale Befristung der zu Verfügung gestellten Zeit,
- die Fokussierung auf ein exemplarisch zu lösendes Problem und
- die Integration von Experten und Lobbyisten als Referenten, nicht aber als Mitdiskutanten.
Seit den 1970er Jahren sind Planungszellen national und international hundertfach eingesetzt worden, finanziert überwiegend von Kommunen, Regionen oder Ländern, seltener der nationalen oder gar supranationalen Ebene, obwohl die demokratischen Defizite hier besonders groß sind. Viele später entwickelte demokratische Verfahren haben sich am Vorbild der Planungszellen orientiert, etwa die "Citizens' Juries" in England und den Vereinigten Staaten.
Die von Dienel erhoffte Institutionalisierung des Verfahrens in die demokratische Gesellschaft über neue Institutionen, vergleichbar zu Schule, Gericht oder Polizei ist allerdings bisher unterblieben. Der (in anderer Hinsicht durchaus wünschbare) Rückbau des Staates seit den 1980er Jahren hat die notwendige Ergänzung seines demokratischen Apparats bisher verhindert. So konnte sich Peter Dienel nicht zur Ruhe setzen, sondern war bis zum Tod sehr engagiert für mehr Demokratie in unseren modernen Gesellschaften. Dabei hat er auch das Kopfschütteln einer jüngeren Generation von Partizpationsforschern über die "zornigen alten Männer" kennengelernt.
Professor Peter Dienel kann auf ein sehr erfolgreiches Soziologenleben zurückblicken. Ihm ist die Durchsetzung einer sozialen Erfindung in die gesellschaftliche Praxis geglückt. Sein Standardwerk über Planungszellen erlebt regelmäßig neue Auflagen und ist in viele Sprachen, u.a. ins Japanische und Spanische, übersetzt. Eine polnische und französische Ausgabe stehen kurz vor der Drucklegung. Die von ihm gegründete Forschungsstelle "Bürgerbeteiligung und Planungsverfahren" machte er zu einer international bekannten Einrichtung an der Universität Wuppertal. Weltweit führen heute viele Institute Planungszellen oder ähnliche Verfahren durch, die sich am Wuppertaler Vorbild orientieren.
Peter Dienel hinterlässt seine Frau Dorothea Dienel, geb. Mallau, drei Kinder und 6 Enkel. Die Trauerfeier findet statt am 27. Dezember 2006 um 11.30 Uhr in der Evangelisch-freikirchlichen Gemeinde Berlin-Steglitz, Rothenburgstraße 12a-13. Im Anschluss ist die Beerdigung auf dem Friedhof Berlin Steglitz (Bergstraße 38) sowie eine Erinnerungsfeier im Gemeindehaus.
Die Familie bittet statt Blumen um eine Spende auf das Konto des Bundesverbands Bürgerschaftliches Engagement.
Verwendungszweck: Mehr Demokratie! (Prof. Peter Dienel), Bank für Sozialwirtschaft (BLZ 100 205 00), Konto 32 22 901).